Wenn die Therapie wirkt, passt das Leben nicht mehr
- vor 9 Stunden
- 8 Min. Lesezeit
Warum wir früh lernen zu funktionieren, und was geschieht, wenn wir damit aufhören
Eine Therapie gilt als gelungen, wenn ein Mensch weniger leidet. Was in dieser Definition fehlt: Er kann weniger leiden und trotzdem seine Ehe verlieren, seinen Beruf aufgeben oder den Kontakt zur Familie abbrechen. Der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz, seit Jahrzehnten klinisch tätig, beschreibt solche Brüche nicht bloß als unglücklichen Nebeneffekt. Sie können sichtbar machen, wovon das alte Leben gelebt hat.
Die Anpassung beginnt früh
Kein Kind entscheidet sich für Anpassung. Es lernt sie so, wie es Sprache lernt: aus dem, was in seiner Umgebung beantwortet wird, und aus dem, was unbeantwortet bleibt. Welche Gefühle willkommen sind. Wann Nähe sicher ist. Womit man Ablehnung riskiert. Ist Zuwendung an Bedingungen geknüpft, wird Anpassung mehr als eine soziale Fähigkeit. Sie wird zur Bedingung dafür, überhaupt dazuzugehören.
Maaz beschreibt diesen Druck drastisch. Ein Kind, das von sich entfremdet wird und lernen muss, wie es zu sein hat, erlebt die Anpassung beinahe als Kampf um Leben und Tod. Das Kind kann seine Familie nicht verlassen und sich keine andere Umgebung suchen. Es tut, was es tun muss, um die Bindung zu erhalten. Was dabei stört, gerät in den Hintergrund: Gefühle, Wünsche, Wahrnehmungen.
“Die Verleugnung ist überlebensnotwendig.”
Hans-Joachim Maaz im Interview
Im seinem Buch "Das falsche Leben" führt Maaz das auf eine Unterscheidung zurück, die seine ganze Argumentation trägt: Erziehung oder Beziehung. Erziehung arbeitet mit Lob und Strafe, sie teilt Kinder in gute und schwierige, in richtiges und falsches Verhalten. Beziehung verzichtet auf dieses Bewertungsraster. Sie fragt zuerst, was beim Kind ankommt, und nicht, was die Erwachsenen für richtig halten. Der Unterschied ist keine pädagogische Geschmacksfrage. Für Maaz entscheidet er darüber, ob ein Mensch später ein echtes oder ein falsches Leben führt.
«Beziehung statt Erziehung heißt Liebe statt Macht, Gemeinschaft statt Konkurrenz, natürliche Leistungsdynamik statt künstlicher übertriebener Anstrengung.»
Hans-Joachim Maaz, Das falsche Leben, S. 13
Schon Sigmund Freud hatte in «Das Unbehagen in der Kultur» beschrieben, dass Kultur Verzicht verlangt und dass das Über-Ich äußere Autorität nach innen verlegt. Maaz verschiebt den Fokus. Ihn interessiert, wie frühe Beziehungsbedingungen und gesellschaftliche Erwartungen aus notwendiger Anpassung eine dauerhafte Selbstentfremdung machen können.

Donald Winnicott gab dem Phänomen 1960 einen Namen: das falsche Selbst. Bei ihm ist es kein Betrug, sondern eine Schutzkonstruktion. Es verbirgt einen lebendigen, spontanen Kern, wenn die Umwelt für dessen Ausdruck zu wenig Raum lässt. Dabei muss nicht jede Höflichkeit unecht sein. Problematisch wird es dort, wo das Funktionieren fast das gesamte Leben übernimmt und ein Mensch kaum noch spürt, was er selbst empfindet oder will.
Einen wichtigen Teil dieses Zusammenhangs untersuchten Avi Assor, Guy Roth und Edward Deci 2004. In ihren Studien hing bedingte elterliche Zuwendung mit stärkerem inneren Zwang und häufigerem erwartungsgemäßem Verhalten zusammen. Gleichzeitig zeigten sich ein schwankender Selbstwert, psychisches Unwohlsein und Groll gegenüber den Eltern. Die Anpassung funktionierte. Der Preis stand nur auf einer anderen Rechnung.
Ein falsches Selbst bleibt nicht folgenlos. Maaz beschreibt Spaltung, Projektion und Reaktionsbildung als Mechanismen, die die eigene Entfremdung stabilisieren. Was den Einzelnen psychisch entlastet, kann gesellschaftlich als Feindbild, Lagerdenken und moralische Gewissheit wiederkehren. Das falsche Selbst schützt sich, indem es das Problem nicht mehr im eigenen Leben, sondern bei anderen sucht.
Normopathie: wenn Normalität selbst krank macht
Damit verlässt Maaz die private Ebene. Die Entfremdung des Einzelnen ist für ihn nicht nur das Ergebnis einer schwierigen Familie. Sie spiegelt die Erwartungen der Gesellschaft. Schon in der Schule zählt, wer stillsitzt, Leistung bringt und sich in vorgegebene Abläufe fügt. Später setzen sich diese Maßstäbe im Beruf fort, in Institutionen, in sozialen Milieus. Belohnt wird häufig nicht, wer sich selbst gut kennt, sondern wer zuverlässig funktioniert.
«Die Entfremdung des Einzelnen ist ja immer ein Symptom der Entfremdung des Ganzen der Gesellschaft.»
Hans-Joachim Maaz im Interview
Für diesen Zustand hat Maaz einen Begriff, der dem Buch den Untertitel gibt: Normopathie. Gemeint ist eine Anpassung, die deshalb nicht mehr als krankhaft erkennbar ist, weil beinahe alle sie teilen. Wer daran leidet, wirkt nicht krank. Er wirkt zuverlässig. Das Auffällige an ihm ist gerade das Unauffällige, die Bereitschaft, Erwartungen so vollständig zu erfüllen, dass für eigenes Erleben kein Platz mehr bleibt.
«Die ‹Normopathie› einer Gesellschaft (…) ist sozusagen die versammelte und kulminierte Energie der falschen Selbst, die unbedingt Gesellschaftsstrukturen brauchen, in denen sich ihre Störungen erfolgreich entfalten (…) können.»
Hans-Joachim Maaz, Das falsche Leben, S. 116
Den Begriff Normopathie verwendete bereits die Psychoanalytikerin Joyce McDougall. Christopher Bollas beschrieb mit der «normotic illness» ein verwandtes Phänomen: einen Menschen, der äußerlich vollkommen angepasst erscheint, sich für sein Innenleben aber kaum noch interessiert und sich selbst wie einen Gegenstand behandelt. Hier berühren sich Winnicotts falsches Selbst und Maaz’ Normopathie. Sie sind nicht identisch, beschreiben aber denselben Verlust von Subjektivität auf unterschiedlichen Ebenen.

Auch die Gesellschaftskritik dahinter hat eine Vorgeschichte. Erich Fromm sprach 1955 von einer Pathologie der Normalität. Eine Gesellschaft, so sein Argument, kann Verhaltensweisen hervorbringen, die für ihren Bestand nützlich sind und den Menschen dennoch von seinen eigenen Bedürfnissen entfernen. Psychische Gesundheit lässt sich dann nicht daran messen, ob jemand sich reibungslos einfügt. Gerade die perfekte Anpassung kann ein Zeichen dafür sein, dass ein Mensch sich von sich selbst entfernt hat.
Theodor W. Adornos Satz «Es gibt kein richtiges Leben im falschen» verdichtet diese Spannung, und Maaz zitiert ihn im Buch selbst. Ein therapeutischer Leitspruch ist er nicht. Trotzdem berührt er die Erfahrung, um die es hier geht. Ein Mensch kann sein Inneres verändern, ohne dass die Verhältnisse um ihn herum gesünder werden. Die Frage ist dann nicht nur, wie er wieder funktioniert. Sie lautet auch, woran er sich überhaupt anpassen soll.
Ronald D. Laing zog daraus 1967 die radikalste Konsequenz. Er misstraute einer Psychiatrie, die gesellschaftliche Normalität ungeprüft mit Gesundheit gleichsetzt, und beschrieb Entfremdung als etwas, das in gewöhnlichen Beziehungen und Institutionen entsteht. Kinder lernen dort nicht nur Regeln. Sie lernen mitunter, der eigenen Erfahrung weniger zu trauen als der Deutung ihrer Umwelt. Aus dem angepassten Kind wird ein Erwachsener, der seinen Platz kennt, aber sich selbst kaum noch.
Warum Veränderung Beziehungen erschüttert
Therapie kann diesen alten Vertrag sichtbar machen. Ein Mensch nimmt seine Gefühle ernster, setzt Grenzen und widerspricht dort, wo er früher geschwiegen hat. Er wird, wie Maaz sagt, kritischer, autonomer und selbstbewusster. Er weiß besser, wer er ist. Das klingt zunächst nach persönlichem Wachstum. Tatsächlich verändert es das Gefüge, in dem dieser Mensch bisher gelebt hat.
Die Familientherapie hat dafür eine nüchterne Beschreibung. Don D. Jackson prägte 1957 den Begriff der familiären Homöostase. Familien verhalten sich wie Systeme, die einen einmal gefundenen Gleichgewichtszustand verteidigen, auch wenn dieser für die Beteiligten teuer ist. Murray Bowen beschrieb, was geschieht, wenn ein Mitglied beginnt, sich zu differenzieren, also eigene Positionen zu halten, ohne die Beziehung abzubrechen. Die Reaktion folgt oft einem bekannten Muster: Du liegst falsch. Komm zurück. Wenn du nicht zurückkommst, hat das Folgen.
Beziehungen entwickeln über Jahre eine eigene Ordnung. Einer erklärt, der andere gibt nach. Einer fordert, der andere beruhigt. Einer trägt die Verantwortung für die Stimmung im Raum. Sobald eine Person ihre bisherige Rolle verlässt, müssen sich alle anderen mitbewegen. Manche können das. Andere erleben die Veränderung als Angriff, obwohl der Mensch vielleicht nur aufgehört hat, sich selbst ständig zu übergehen.
«Das bisherige Verhältnis funktioniert dann nicht mehr, das gestörte Verhältnis.»
Hans-Joachim Maaz im Interview
Der soziale Preis der Heilung
«In einer erfolgreichen Therapie kann es passieren, dass der Mensch nicht mehr in die Familie, die Partei, seine berufliche Stellung oder eine Religion passt.»
Hans-Joachim Maaz im Interview
Hier liegt der Preis. Die Beschwerden werden geringer, doch die alte Zugehörigkeit wird unsicher. Ein Beruf, der nur durch Selbstverleugnung auszuhalten war, fühlt sich plötzlich unerträglich an. Eine Partnerschaft, die vom ständigen Nachgeben lebte, gerät in eine Krise. Eine Familie reagiert gereizt, weil das Mitglied, das bisher alles ausgeglichen hat, diese Aufgabe nicht mehr übernimmt.
Das heißt nicht, dass jede Trennung, Kündigung oder Abwendung ein Beweis für Heilung wäre. Therapie sollte keine neue Gewissheit erzeugen, in der nun immer die anderen das Problem sind. Wer aus dem falschen Leben in eine ebenso starre Gegenposition wechselt, hat die Struktur nicht verlassen, sondern nur das Vorzeichen getauscht. Was Therapie leisten kann, ist eine genauere Unterscheidung. Wo ist ein Kompromiss möglich? Wo wird Anpassung zur Selbstaufgabe? Welche Bindung trägt Veränderung, und welche funktioniert nur, solange jemand sich klein macht?
«Ich bewege mich im falschen Leben, wenn ich immer nur perfekt und erfolgreich sein muss, wenn ich keine Schwäche und Begrenzung zugeben darf und Ängste und Fehler unbedingt verbergen muss.»
Hans-Joachim Maaz, Das falsche Leben, S. 114
Nicht wieder passend, sondern lebendig
Vielleicht ist das die unbequemste Einsicht des Gesprächs. Therapie führt nicht zwangsläufig zurück in das alte Leben. Sie kann den Blick dafür öffnen, dass manches, was lange normal erschien, nur durch Entfremdung funktioniert hat. Dann besteht der Erfolg nicht darin, dieselben Anforderungen wieder besser zu erfüllen. Er zeigt sich darin, dass ein Mensch seine Wahrnehmung nicht länger opfert, nur um dazuzugehören.
Edward Deci und Richard Ryan beschreiben Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit als psychologische Grundbedürfnisse. Autonomie und Verbundenheit stehen dabei nicht gegeneinander. Menschen fühlen sich häufig gerade jenen besonders verbunden, die ihre Eigenständigkeit unterstützen. Auch Bowen verstand Differenzierung nicht als Distanz, sondern als die Fähigkeit, in Nähe man selbst zu bleiben. Autonomie heißt nicht, ohne Bindung zu leben. Sie heißt, in Bindungen anwesend zu sein, ohne sich darin zu verlieren.
Bemerkenswert ist, dass Maaz sein Buch nicht mit einer Diagnose der anderen beschließt, sondern mit einem Kapitel über die eigene Selbstentfremdung. Wer über Normopathie schreibt, steht nicht außerhalb von ihr. Das ist mehr als eine Geste der Bescheidenheit. Es folgt aus der Sache selbst: Ein falsches Leben, das man an anderen diagnostiziert und bei sich nicht vermutet, wäre genau die Bewegung, die Maaz beschreibt.
«Ich verstehe mein Leben als ein permanentes Ringen, die aufgenötigte und dann in eigener Verantwortung weitergelebte Entfremdung, so gut ich kann, überwinden zu lernen.»
Hans-Joachim Maaz, Das falsche Leben, Kapitel 27, S. 251
Am Ende bleibt deshalb keine einfache Botschaft, sondern eine Frage. Wenn ich nicht mehr um jeden Preis funktionieren muss, was von diesem Leben passt dann noch zu mir? Die Antwort kann schmerzhaft sein. Sie kann aber auch der Anfang eines Lebens sein, das nicht nur nach außen gelingt, sondern sich innen wieder wie das eigene anfühlt.
Quellen und weiterführende Literatur
Adorno, T. W. (1951). Minima Moralia: Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Suhrkamp.
Assor, A., Roth, G., & Deci, E. L. (2004). The emotional costs of parents' conditional regard: A self-determination theory analysis. Journal of Personality, 72(1), 47–88. https://doi.org/10.1111/j.0022-3506.2004.00256.x
Bollas, C. (1987). The shadow of the object: Psychoanalysis of the unthought known. Free Association Books.
Bowen, M. (1978). Family therapy in clinical practice. Jason Aronson.
Freud, S. (1930). Das Unbehagen in der Kultur. Internationaler Psychoanalytischer Verlag.
Fromm, E. (1955). The sane society. Rinehart. (dt. Ausgabe: Wege aus einer kranken Gesellschaft)
Jackson, D. D. (1957). The question of family homeostasis. The Psychiatric Quarterly Supplement, 31(Suppl.1), 79–90.
Laing, R. D. (1967). The politics of experience and The bird of paradise. Penguin. (dt. Ausgabe: Phänomenologie der Erfahrung)
Maaz, H.-J. (2017). Das falsche Leben: Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft. C.H.Beck.
McDougall, J. (1978). Plaidoyer pour une certaine anormalité. Gallimard.
Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2006). Self-regulation and the problem of human autonomy: Does psychology need choice, self-determination, and will?. Journal of Personality, 74(6), 1557–1585. https://doi.org/10.1111/j.1467-6494.2006.00420.x
Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2017). Self-determination theory: Basic psychological needs in motivation, development, and wellness. Guilford Press.
Winnicott, D. W. (1965). The maturational processes and the facilitating environment: Studies in the theory of emotional development. The Hogarth Press and the Institute of Psycho-Analysis.
Über das Interview
In dieser Folge von Reclaim Your Reality spreche ich mit Dr. Hans-Joachim Maaz über die Unterdrückung von Gefühlen, das falsche Selbst, frühe Beziehungserfahrungen, chronischen Stress, Konformität und Normopathie, die Grenzen der Anpassung sowie den Weg zu Authentizität, Autonomie und persönlicher Handlungsfähigkeit.


Kommentare